27. Festival Sandstein und Musik

Sind wir mal ehrlich, wir alle wollen von Zeit zu Zeit der Realität entfliehen. Ob mit Schmalz oder Technobeats, Musik verhilft uns dazu; sie entführt und verführt zuweilen. Gerade die Schla- ger der Zwanziger bis Vierziger Jahre, denen sich die Dresdner Salon-Damen verschrieben haben, zählen zu jener Musik, die explizit dafür gemacht wurde, um Menschen aus der Wirklichkeit zu reißen und sie in eine vermeintlich humorvollere Welt zu holen. Etwas, was heute gleichermaßen funktioniert. Davon sind auch die fünf Damen der Dresdner Formation über- zeugt: Mit ihrer Kombination aus professionellem musikalischen Anspruch und einem stilvollen Auftritt in atemberaubenden Kleidern überzeugen sie auf der ganzen Linie. Die fünf ausgebildeten Musikerinnen blicken auf eine mittlerweile über 20-jährige Bandgeschichte zurück und so ist es wenig verwunderlich, wie vielseitig sie sich zeigen: Wann schon erlebt man eine Sängerin, die auch Geige spielt, eine Pianistin, die wendig das Akkordeon bedient, eine Background singende Vio- linistin, eine Saxophon blasende Klarinettistin und eine Dame, die sowohl das Cello als auch den Kon- trabass gekonnt beherrscht, gemeinsam auf der Bühne? In Arrangements der Salon-Dame Silke Krause werden Diven, Sänger und Komponisten der 1920er- bis 1950er-Jahre in ihrer Einmaligkeit und zugleich in einem sehr persönlichen Stil zu Gehör gebracht. Stolz schützt nicht vor Herzbruch Ein Großteil heutiger Evergreens aus jener Zeit ist eng mit diversen Ufa-Filmen verknüpft. Man denke nur an den kecken Foxtrott „Für eine Nacht voller Seligkeit“, den Komponist Peter Kreuder für den Film „Kora Terry“ (1940) schrieb. Sängerin Marika Rökk, die gerade ihren Durchbuch als Filmstar erlebte, machte diesen sowie weitere Schlager des Filmes durch ihre kesse Darbietung und ihren sprudelnden Charme zu Hits. „Ich brech` die Herzen der stolzesten Frau`n“ von Komponist Lothar Brühne nach einem Text von Bruno Balz zählt ebenso zu einem der be- kanntesten Filmschlager. Er wurde 1938 durch Heinz Rühmanns Version im Film „Fünf Millionen suchen einen Erben“ bekannt und später vielfach gecovert, unter anderem von Dieter Hallervorden, Udo Linden- berg und Max Raabe. Im Film zählt diese Szene zu den absoluten Höhepunkten: Während Rühmann in der Rolle des Staubsaugervertreters und Varieté- künstlers Peter Pett seine eigenen Qualitäten als Ca- sanova besingt („Ich brech` die Herzen der stolzesten Frau`n, weil ich so stürmisch und so leidenschaftlich bin. Mir braucht nur eine ins Auge zu schau`n, und schon ist sie hin.“), lässt er durch seine kleinwüch- sige Gestalt mit dem pausbäckigen Jungengesicht und durch seine linkischen Bewegungen jegliche Glaubwürdigkeit verpuffen. Und ausgerechnet die angesprochenen Frauen würdigen ihn keines Blickes. Rühmann erweist sich hier einmal mehr als begna- deter Komiker. Durchbruch eines angepassten Schlagerstars Man kann nicht über Ufa-Filmschlager sprechen, ohne Zarah Leander zu erwähnen. Wie kaum eine andere prägte sie den deutschen (Unterhaltungs-)Film der Dreißiger Jahre. Eine echte Diva, eine Schönheit mit einer so gleichermaßen eindrucksvollen wie charakteristischen warmen, dunklen Stimme war sie. Kritiker kamen nicht umhin, immer wieder auf die Einzigartigkeit ihrer Kontra-Alt-Stimme zu verweisen: „dunkel […] fast ein Bariton“ oder „eine Stimme von fast männlicher Färbung“ oder „sie kann so wuchtig klingen wie der Ton einer Orgel“ oder auch „eine un- sagbar weiche Stimme, die wie ein tiefer, warmer Strom die Hörer umfließt.“ Die Filmindustrie war ver- narrt in die aus Stockholm stammende Schauspie- lerin. Im Jahr 1936 schloss sie einen Vertrag mit der deutschen Ufa zu für sie günstigen Konditionen: Sie konnte nicht nur die Drehbücher selbst auswählen, sie bekam auch die Hälfte der Gage in schwedischen Kronen ausgezahlt. Der Durchbruch in Deutschland gelang ihr mit dem Film „Zu neuen Ufern“ aus dem Jahr 1937. Wesent- lich zu dessen Erfolg trugen die von Ralph Benatzky komponierten Schlager „Yes Sir“, „Ich steh` im Re- gen“ und „Tiefe Sehnsucht“ bei – Lieder, die Zarah Leander bis ans Ende ihrer Karriere auf Konzerten vortrug. Im Gegensatz zu ihr, die sich durch die Nazi-Zeit „duckte“ und natürlich profitierte, wofür sie später unter anderem als „Nazi-Sirene“ beschimpft wurde, stand Komponist Ralph Benatzky dem System offen kritisch gegenüber, soweit dies möglich war. Bereits 1924 kommentierte er das „hakenkreuzleri- sche Leben“ in seinem Tagebuch, sprach von den „Urgermanen mit Wampe und Nackenspeck, mit rück- wärts rasiertem und oben hahnenkammartig durch eine Scheitelfrisur gekrönte Schädel, […] arisch- arrogant, provinzlerisch gackernd.“ Er emigrierte im Jahr 1940 in die USA. Während Ralph Benatzky in der Riege ihrer Lieblings- komponisten rangierte, bildete Bruno Balz für sie als Textdichter das Pendant dazu. Ein Großteil der etwa 1.000 Schlagertexte, die er in den Jahren von 1929 bis Anfang der 1960er-Jahre verfasste, waren für Zarah Leander bestimmt und trugen zu ihrem Erfolg in entscheidendemMaße bei. So schrieb er beispiels- weise den Text zu dem heute zu hörenden Lied „Von der Puszta will ich träumen“, den Zarah Leander im Ufa-Film „Der Blaufuchs“ (1938) interpretierte. „Ich bin von Kopf bis Fuß …“ Von Kathleen Goldammer 42 Unvergessen bleibt Marlene Dietrichs Interpretation des Welthits „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ im Film „Der blaue Engel“ (1930). Als eine der wenigen deutschsprachigen Künstlerinnen gelang ihr seit Ende der Dreißiger Jahre als Hol- lywood-Ikone zugleich der internationale Erfolg.

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