Aktuell

Der 26. Jahrgang von „Sandstein und Musik“

Titelfoto 2018

„Sandstein und Musik“ bietet unter dem Motto „Krieg und Frieden“ bis zum 2. Advent  26 verschiedene Programme.

„Krieg und Frieden“ – für dieses Thema liefert unser heutige Zeit Gründe genug. Überdies bieten sich 2018 zwei Anlässe: Der Dreißigjährige begann vor 400 Jahre in Europa zu wüten. Vor 100 Jahre war der Erste Weltkrieg endlich Geschichte. 28 Konzerte zwischen 24. März bis 09. Dezember 2018 reflektieren dieses Thema auf verschiedene, vielfältige Weise. „Nicht alltäglich ist es trotz engagiertem Tun, Organisieren, Musizieren und sorgfältigem umfassendem Bemühen, auf silberne 25 Jahre eines Erfolgs zurückzublicken“, sagt der künstlerische Leiter Ludwig Güttler und fährt fort: „Nicht zuletzt geht es darum, hieraus Mut und Tatkraft, Hoffnung und Zuversicht für das bevorstehende Jahr unseres Festivals zu schöpfen. Und dies umso mehr, als das für 2018 ausgewählte Thema ‚Krieg und Frieden’ durch das Geschehen um uns herum, ja sogar unmittelbar bei uns an Aktualität gewinnt. Es rührt an den Wurzeln unserer Existenz, wenn wir uns als Kulturnation, die es versteht, aus der Geschichte zu lernen, wirklich ernst nehmen. Seit Jahrhunderten haben unsere Vorfahren, politische Grenzen überschreitend, Menschenwürde gezeigt, hörbar und erlebbar gemacht, nicht nur für ausgebildete Ohren, sondern für alle Menschen, die fühlen und begreifen, dass uns durch die Musik menschliche Begegnungen unverlierbar geschenkt werden.“

 

Stilistisch breit gefächertes Programm

Ludwig Güttler hat erneut ein stilistisch breit gefächertes Programm zusammengestellt. Das Spektrum macht die musikhistorische Dimension der Bitte um Friede und die Reflexion über Kriege hörbar. Es reicht von barocken Orgelwerken und Choralbearbeitungen mit Trompete bis modernem Tango. Vom intimen Lied bis zu Bachs Kunst der Fuge in Orchesterfassung. Von Kammermusik, die Opfern von Selbstmordattentaten gedenkt, bis zum Streichquartett, das Heiter-Populäres adaptiert. Von einer Monooper über das Tagebuch der Anne Frank bis zur musikalischen Bildbetrachtung, die an die Napoleonischen Befreiungskriege in der Region gemahnt. Ein Gutteil der Konzerte bringt Künstler und Ensembles auf die Bühne, die zum ersten Mal bei Sandstein und Musik auftreten, darunter so junge Künstler wie das Klaviertrio JULICA und das Vokalensemble AuditivVokal Dresden einerseits, andererseits international renommierte Interpreten wie Pianist Floria Uhlig und das Raschèr Saxophone Quartet.

„Sandstein und Musik“ blickt mit dem 25. Jahrgang 2017 auf den bisher erfolgreichsten seiner Geschichte zurück. Erstmals wurde die Marke von 10.000 Besuchern überboten.  Wir danken Ihnen für Ihre Neugier und Treue! Das Jahr 2018 im Überblick finden Sie im Festival-Flyer 2018 [PDF, 0,8 MB].


Sonderkonzert in Lohmen

Rudolf Barschai
Rudolf Barschai (Foto: Askonas Holt)

Die Dresdner Kapellsolisten spielen die deutsche Erstaufführung der „Kunst der Fuge“ in der Orchesterfassung von Rudolf Barschai.

Unter der Leitung von Helmut Branny findet am 28. April 2018 dieses außergewöhnliche Konzert in der George-Bähr-Kirche in Lohmen statt. Hierbei kooperieren mit dem Festival Sandstein und Musik und den Internationalen Schostakowitsch Tagen Gohrisch erstmals die beiden führenden Veranstalter klassischer Musik in der Region. Auf dem Programm steht eines der großen Werke der Musikgeschichte: Johann Sebastian Bachs „Die Kunst der Fuge“ in der Orchesterbearbeitung von Rudolf Barschai.

Bach schuf sein Opus ultimum in den 1740er Jahren, konnte es aber nicht vollenden. Die Arbeit an der geplanten Schlussfuge musste er aufgrund seiner fortschreitenden Blindheit abbrechen. Seit jeher ranken sich daher Legenden um das Werk, mit dem Bach die Kunst der Fugenkomposition, die er wie kein anderer beherrschte, sukzessive ausschritt und auf einen letzten Gipfel führte. Der Leipziger Thomaskantor legte „Die Kunst der Fuge“ als einen Zyklus von 14 Fugen und vier Kanons an, die ein riesiges Ausdrucksspektrum abdecken – und dennoch viele Fragen aufwerfen: So machte Bach zum Beispiel keine konkrete Vorgabe zur Besetzung des Werkes, das deshalb häufig als kontrapunktisches „Lehrwerk“ interpretiert wurde. Im Laufe der Jahrhunderte wurde „Die Kunst der Fuge“ in verschiedensten Besetzungen aufgeführt und immer wieder bearbeitet – wobei jeder Bearbeiter vor der großen Herausforderung steht, die komplexe Schlussfuge, deren Thema mit dem musikalischen Signum des Komponisten b-a-c-h beginnt, zu vollenden.

Ein Leben lang mit der der „Kunst der Fuge“ beschäftigt

Rudolf Barschai stellte sich schon früh dieser Aufgabe: Bereits Anfang der 1960er-Jahre wurde er von der Pianistin Maria Judina zu einer solchen Bearbeitung angeregt, die er darauf in engem Austausch mit seinem Kompositionslehrer Dmitri Schostakowitsch umsetzte. Eine erste Fassung brachte er 1965 mit seinem Moskauer Kammerorchester zur Uraufführung – und Schostakowitsch reagierte begeistert: „Bis heute war man der Meinung, man darf unvollendete Werke großer Meister nicht fertig stellen. Jetzt haben Sie klar gemacht, dass das doch möglich ist.“ Doch Barschai gab sich mit dieser Erstfassung nicht zufrieden. In den nächsten Jahrzehnten arbeitete er immer weiter an einer „endgültigen“ Orchesterfassung des Werkes. Nach mehreren Zwischenstadien konnte er diese Fassung noch kurz vor seinem Tod im November 2010 abschließen. Ein Leben lang also hat er sich mit der „Kunst der Fuge“ beschäftigt, und die letztgültige Fassung, die in Lohmen zur deutschen Erstaufführung gelangen wird, ist damit auch sein Opus summum.

Barschai kann als ein musikalisches Multitalent bezeichnet werden: Als Bratscher war er Gründungsmitglied des Borodin-Quartetts und musizierte mit den größten Musikern seiner Zeit. 1956 gründete er das Moskauer Kammerorchester, mit dem er erstmals barocke und frühklassische Musik in der Sowjetunion aufführte und außerdem viele zeitgenössische Werke zur Uraufführung brachte. In die jüngere Musikgeschichte ist Barschai aber vor allem als Bearbeiter eingegangen: Neben der „Kunst der Fuge“ vervollständigte er auch die unvollendete zehnte Symphonie von Gustav Mahler; und er bearbeitete das achte Streichquartett von Dmitri Schostakowitsch, das dieser 1960 in Gohrisch geschrieben hatte, für Streichorchester – und erlangte damit Weltgeltung. Schostakowitsch war von dieser Fassung so angetan, dass er sie als Kammersymphonie op. 110a in sein eigenes Werkverzeichnis aufnahm!

Deutsche Erstaufführung unter beziehungsreichen Vorzeichen

So war es naheliegend, dass Rudolf Barschai 2010 zu den erstmals ausgerichteten Internationalen Schostakowitsch Tagen nach Gohrisch eingeladen wurde, die das Andenken an die beiden Aufenthalte Schostakowitschs in dem Kurort seither lebendig halten. Barschai sollte damals am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden die Kammersymphonie op. 110a persönlich leiten. Daraus wurde leider nichts: Der Dirigent musste seine Mitwirkung kurzfristig aus gesundheitlichen Gründen absagen, was er sehr bedauerte; wenige Wochen später starb er in seiner Wahlheimat Basel. 2011 wurde er postum mit dem 1. Internationalen Schostakowitsch Preis Gohrisch ausgezeichnet, den seine Ehefrau Elena stellvertretend beim Gohrischer Festival in Empfang nahm.

Die deutsche Erstaufführung von Bach-Barschais „Die Kunst der Fuge“, gespielt von den Dresdner Kapellsolisten unter Helmut Branny, steht also unter beziehungsreichen Vorzeichen. Es ist ein Ereignis, das weit über die Grenzen der Sächsischen Schweiz ausstrahlen dürfte.

 

Sonnabend, 28. April 2018, 17 Uhr
Lohmen, Ev. Kirche

Dresdner Kapellsolisten
Leitung: Helmut Branny 

Johann Sebastian Bach
„Die Kunst der Fuge“ BWV 1080
Letztfassung der Bearbeitung für Kammerorchester von Rudolf Barschai (2010)

Deutsche Erstaufführung

Das Konzert ist eine Veranstaltung des Festivals Sandstein und Musik in Kooperation mit den Internationalen Schostakowitsch Tagen Gohrisch